Sie befinden sich hier: Home Therapie Orale Orthopädie
Stomatognathes System / Orale Orthopädie PDF Drucken E-Mail
Als Stomatognathes System bezeichnet man die Gesmatheit aller Strukturen im Kopf-, Mund/Kiefer- und Halsbereich mit ihren weitgehenden Interaktionen und wechselseitigen Abhängigkeiten.

Störeinflüsse aus dem Kiefer-, Mund-, Kopf- und Zahnbereich können sich auf den ganzen Körper und praktisch alle Fehlfunktionen und Krankheiten negativ auswirken. Bei der Untersuchung den Stomatognathen Systems versucht man auf diese Störungen einzugehen und sie wiederum ganzheitlich und bio-logisch zu therapieren. Die Therapie ist in diesem Bereich nur fachübergreifend möglich, da die Untersuchung und Behandlung meist von zahnmedizinischer, kieferorthopädischer, medizinischer, physiotherapeutischer und naturheilkundlicher Seite erfolgen muss.

Cranio-Mandibuläre Dysfunktion (CMD)

George Goodheart, Doctor of Osteopathy D.O., Begründer der Applied Kinesiology (AK): „The TMJ is the most important joint in the body"; das Kiefergelenk ist das wichtigste Gelenk des Körpers.

Welche für Zusammenhänge machen aber das Kiefergelenk zu einem so wichtigen Gelenk? 
  • Stomatognathes001.png Das Kiefergelenk und der gesamte Kauapparat wird vom Nervus Trigeminus innerviert (gesteuert). Der N. Trigeminus ist der 5. von insgesamt 12 Hirnnerven, welche für die gesamte Steuerung und Funktion des Kopfes und das autonome Nervensystem verantwortlich sind (Sehen, Riechen, Spüren, Mimische Muskeln, Hören, Gleichgewicht, Kauen, Schlucken, Schmecken, Vegetativum,...). Der N. Trigeminus nimmt bei den 12 Hirnnerven eine dominante Position ein, weil er einerseits als einziger Hirnnerv Querverbindungen zu allen anderen 11 Hirnnerven hat und andererseits selbst überproportional mächtig im Hirn repräsentiert ist (Homunculus). Somit kann man sich vorstellen, dass bei Trigeminusstörungen allerhand Krankheitssymptome entstehen können. Wer schon mal richtig Zahnschmerzen hatte, weiss wie wahnsinnig der N. Trigeminus Schmerzen verursachen kann. Wenn ein wenig Dreck unter den Fingernagel kommt, wird das uns wohl kaum so beschäftigen wie ein Stück Nahrung, das nach dem Essen zwischen den Zähnen hängen bleibt und uns fast zum Wahnsinn treibt.
  • Die Kaumuskeln sind im Querschnitt die stärksten Muskeln unseres Körpers. Ein Teil dieser Kaumuskeln setzt am Os Spenoidale an. Das Os Sphenoidale ist ein zentraler Schädelknochen im Craniosakralen System. Das heisst, dass bei Malokklusionen (Fehlbissen) die Kaumuskeln direkt einen Knochen in Fehlspannung bringen, an welchem die Dura mater (Hirn-, Rückenmarkshaut) ansetzt. Die Dura mater ist eine straffe, bindegewebige Haut, welche das Hirn und das Rückenmark umkleidet. Sie hat Ansatzstellen am Schädel, den obersten Halswirbeln, dem Kreuzbein und dem Steissbein; dazwischen gleitet die Dura mater schlauchförmig um das Rückenmark der gesamten Wirbelsäule, ist aber in sich total unelastisch. Das heisst, dass Fehlstellungen vom Kiefergelenk früher oder später auch Fehlstellung ins gesamte Crankiosakrale System verursachen und somit für sehr viel Krankheitssymptome verantwortlich sein kann.
  • Eine Malokklusion (Fehlbiss) kommt aber erst zum Tragen, wenn wir auch wirklich zusammenbeissen. Als erstes denkt man natürlich ans Essen....aber es ist tatsächlich so, dass wir beim Essen fast keinen eigentlichen Zahnkontakt haben. Die Zeit, in der wir am meisten beissen, ist die Nacht! Ob einige Zähneknirschen (Bruxismus) oder andere nur wenig zusammenbeissen, hat mit dem täglichen Stress zu tun, welchen wir in der Nacht verarbeiten müssen. Bildlich gesehen müssen wir uns durchbeissen. Somit können wir uns auch erklären, warum wir früh morgens unausgeschlafen sind, Kopfschmerzen, Migräne oder andere Schmerzen am Bewegungsapparat haben.

Symptome bei CMD:
  • Trigeminusneuralgien, Gesichtsschmerzen
  • Sehstörungen
  • Schwindelgefühl
  • Nicht erholsamer Schlaf
  • Prinzipiell jede Art von Störungen am Bewegungsapparat, vor allem aber morgendliche Schmerzen an der Wirbelsäule, morgendliche Steifigkeit
  • Konzentrations- und Lernstörungen
  • Beschwerden im zeitlichen Zusammenhang mit kieferorthopädischen oder anderen zahnärztlichen restaurativen Massnahmen
  • Migräne
  • Tinitus (Ohrgeräusche)
  • Reibe- und Knackgeräusche in den Kiefergelenken
  • Einschränkung der Unterkieferbeweglichkeit
  • Verspannte und schmerzhafte Kaumuskeln
  • Zahnlockerung- oder Zahnverluste, Parafunktionen (Zahnschmerzen „an völlig gesunden Zähnen")
  • Abrasionen der Zähne

Diagnosestellung bei CMD:

Es ist wichtig, sich von jemandem untersuchen zu lassen, der die oben aufgezeigten Zusammenhänge des stomathognaten Systems genau kennt. Leider werden diese Zusammenhänge noch in keinem Grundstudium, sei es in der Kieferorthopädie, Osteopathie oder Physiotherapie gelernt.

Es werden als erstes orthopädische Befunde erhoben (Beckenfehlstellungen, Untersuchung der Schmerzregion, Palpation,...)

Dann wird optimalerweise mit der Applied Kinesiology (AK) ein genauer Muskelbefund erhoben. Man nimmt vorzugsweise Muskeln, welche möglichst nahe Verbindungen zum Craniosacralen System haben und die Nackenmuskeln.

Dann wird das Kiefergelenk mit Watterollen in eine optimale Position gebracht (nach den Kriterien von Herold Gelb, Kieferorthopäde). Man bittet dann den Patienten, mit genau dieser Kieferposition aufzustehen und ein paar Schritte zu laufen, damit sich der ganze Bewegungsapparat auf die neue Kieferposition einstellen kann. Der Patient wird dann nach dem gleichen Untersuchungsschema wie oben nochmals untersucht.

Verschwinden anschliessend die orthopädischen wie auch die AK-Muskelbefunde, können wir davon ausgehen, dass der Patient eine Cranio-Mandibuläre Dysfunktion (CMD) hat.


Therapie:


Ich habe in der Praxis immer wieder versucht, die Patienten am Kiefer zu behandeln und ihnen Heimübungen (modifizierte Rocabadoübungen) mitzugeben. Leider meist ohne durchschlagenden Therapieerfolg. Es ist eigentlich logisch, denn man kann durch manuelle Therapie nur an den Weichteilen und am Craniosacralen System arbeiten, jedoch kann man am Fehlbiss und der Zahnstellung des Patienten nichts ändern. Das heisst, dass beim ersten Zubeissen des Patienten nach der Therapie alle Befunde wieder hergestellt werden. Der Biss wird durch die Zahnstellung vorgegeben.

Die Lösung des Problems geht also nur über eine Zusammenarbeit mit einem Kieferorthopäden oder einem Zahnarzt, welcher optimalerweise eine Unterkieferschiene aus Kunststoff nach Gelb anfertigt (Gelb-Schiene). Das Verfahren zur Anfertigung ist ziemlich aufwendig und muss sehr präzise ausgeführt werden. Der Kieferorthopäde oder Zahnarzt muss natürlich bei der Anpassung auch ganzheitlich untersuchen. Das „Gelbschienen-Konzept" müssen die Zahnärzte oder Kieferorthopäden in einem Zusatzstudium erlernen. Es gibt im Moment sehr wenige Zahnärzte und Kieferorthopäden in der Schweiz, die für diese Schienenherstellung ausgebildet sind. Zudem ist immer auch das Kunstoffmaterial, welches für die Schienenherstellung verwendet wird, mit Applied Kinesiology auf Verträglichkeit zu testen. Es macht keinen Sinn, Kunststoffe im Mundbereich zu verwenden, welche von Patienten nicht vertragen werden! Nach Anfertigung und regelmässigem Tragen der Schiene (vor allem in der Nacht!) macht es dann Sinn mit der manualtherapeutischen und osteopathischen Behandlung weiterzufahren. Die Schiene hat also zwei Funktionen: Einerseits schützt sie die Zähne beim Knirschen vor weiteren Verletzungen und Abrasionen, andererseits gibt sie durch die optimale neue Bissposition einen therapeutischen Input in das Craniosacrale System.

Die Schiene muss in regelmässigen Abständen nachkontrolliert und eventuell eingeschliffen werden.

Aus meiner Erfahrung ist es so, dass wenn eine Schiene optimal passt, sie der Patient am liebsten nicht mehr hergibt und sie trotz anfänglicher Behinderung beim Sprechen so oft wie möglich trägt.